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von Ludger Vielemeier, Leiter des NDR Hörfunks
"Ich sollte noch keinen Beruf lernen, auf dem Hof arbeiten, bis mich jemand heiratet. Und es war nicht leicht, im übrigen auch nicht leicht für meine Mutter zu akzeptieren, dass das keine Perspektive mehr für ein Mädchen ist. Ich musste meine Mutter ein bisschen im Stich lassen. Dafür hat es natürlich auch soziale Sanktionen aus meinem Umfeld gegeben."
Aber, sie hat sich durchgesetzt. Wie immer. Ihren Kopf durchgesetzt, Fachabitur gemacht, studiert und dann acht Jahre in der Jugend- und Erwachsenenbildung sowie der Gesundheitserziehung gearbeitet. Anschließend politische Karriere bei den Grünen gemacht – erst Hannover, dann Berlin. Eine Karriere, auf die auch ihre Mutter stolz ist:
"Meine Mutter ist heute sehr froh, dass wir uns gemeinsam dann letztlich darauf verständigt haben, weil sie genau weiß, dass es für sie dann auch ein schweres Deputat gewesen wäre, wenn sie mir die Chancen verbaut hätte und ich dann vielleicht ein Leben geführt hätte, was mich unglücklich gemacht hätte."
Brigitte Pothmer hört zu und das ist eher selten bei Politikern. Und sie kann organisieren wie wenige andere:
"Ich glaube, dass ich meine eigenen bildungspolitischen Ziele nur erreichen konnte, indem ich mich selbst sehr gut organisiert habe. Ich musste das tun neben vielen Herausforderungen zum Beispiel auf dem bäuerlichen Hof meiner Eltern. Und da musste Organisieren und Strukturieren einfach da sein, um das zu schaffen."
Im Bundestag sitzt sie seit 2005 und stieg seitdem schnell auf – in der Partei, in der sie die Arbeit der Realos, die sich heute Reformer nennen, koordiniert, und in der Fraktion – als arbeitsmarktpolitische Sprecherin. Die Hartz - Reformen analysiert sie nüchtern – den Grundansatz hält sie für richtig:
"Hartz IV ist richtig gut gelungen an der Stelle, an der Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt worden ist und ein Verschiebebahnhof, der wirklich zu Lasten der Betroffenen gegangen ist, endlich aufgelöst worden ist."
Der wichtigste politische Wert ist für sie 'Gerechtigkeit' – und gerecht seien die Hartz - Reformen an vielen Stellen nicht – vor allem die Regelsätze, die seien viel zu niedrig:
"Das Geld reicht einfach nicht aus, um eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, insbesondere für Kinder."
Die soziale Frage habe sich gewandelt. Deutschland stehe vor völlig neuen Herausforderungen:
"Früher war Armut im wesentlichen der Mangel an Geld. Heute hat sie einen ganz anderen Charakter. Armut ist der Mangel an Teilhabe. Heute wird Armut vererbt. Arme leben in anderen Stadtteilen, Arme Kinder gehen zu anderen Schulen, kaufen woanders ein. Es gibt keine Berührungspunkte mehr zwischen den unterschiedlichen sozialen Schichten."
Integration und Bildung – die politischen Antworten, um diese Krise auf lange Sicht zu lösen:
"Unsere Antwort lautet im wesentlichen Teilhabe insbesondere durch Bildung. Wir müssen diese Vererbung von Armut durchbrechen, in dem wir den Kindern die Möglichkeiten geben dort rauszukommen und aufzusteigen.."
Brigitte Pothmer gehört zu den Realos. Sie glaubt dennoch nicht, dass nach der Bundestagswahl 2009 eine Jamaika-Koalition gebildet wird:
"Wäre eine der schwierigsten Konstellationen, die sich Grüne vorstellen könnten. Wir hätten es mit einem Block von CDU und FDP zu tun, die sich inhaltlich vergleichsweise nahe wäre. Wir müsste unsere Politik gegen einen Block durchsetzen. Ich würde mir das nicht wünschen."
Über ihre persönlichen Ziele, über ihre Ambitionen, spricht sie nicht gerne. Sie will einen guten Wahlkampf machen und dann sehen, wie es weitergeht:
"Ich glaube, Leute, die alles, was sie machen, nur mit der Perspektive machen, welcher Job ergibt sich da für mich, die sind in ihrer Arbeit einfach nicht gut. Ich glaube, dass man zunächst einmal in seiner konkreten Arbeit beweisen muss, dass man das Zeug zu anderen Aufgaben hat. Ich glaube, dass es richtig ist, sich erst mal darauf zu konzentrieren. Und das tue ich auch."
Hart arbeiten und kämpfen und nicht aufgeben, hartnäckig sein, bis sie Erfolg hat. Es gibt auch Parteifreunde, denen Brigitte Pothmer damit auf die Nerven geht:
"Ich glaube, meine Aufgabe als Politikerin ist tatsächlich manchmal im Sinne der Betroffenen zu nerven, manchmal im Sinne der Betroffenen vorlaut und frech zu sein. Ich glaube, es gibt Schlimmeres.
Zum Beispiel als Pappnase bezeichnet zu werden, weil jemand ein politisches Problem nicht so tief durchleuchtet hat wie die Abgeordnete aus Hildesheim. Witzig und charmant und offen und ehrlich sein, das kann Brigitte Pothmer. Sie selbst kennt sich natürlich am besten und sie sieht sich sehr treffend als:
"Wendländischer Dickschädel"
ausgestrahlt am 13.08.08 im NDR 1 Hörfunk