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Bei einer der größten Anti-Atom-Demon strationen seit Jahren haben am Wochenende rund 15 000 Menschen zumeist friedlich gegen den Atommülltransport nach Gorleben demonstriert. Außerdem versuchten Atomkraftgegner, den Zug mit den Castor-Behältern durch Blockaden aufzuhalten.
Eingehüllt in Anorak, Decken und Thermofolie, kauert Filiz Polat auf der Straße vor dem Atommüll-Zwischenlager Gorleben. Zusammen mit mehreren Hundert anderen Demonstranten hat sich die Grünen-Landtagsabgeordnete zu einer spontanen Blockadeaktion auf den Asphalt gesetzt – und trotz Bibberns in der Kälte wirkt sie frohgemut: "Das ist ein schönes und solidarisches Gefühl", schwärmt die Politikerin aus Bramsche am Samstagabend.
Doch mehr als ein symbolischer Akt kann die Sitzblockade kaum sein. Alle wissen: Der Transport mit elf Containern Atomabfall wird sich nicht aufhalten lassen, auch wenn vor dem Lager phasenweise an die 1000 Kernkraftgegner den Unbilden der Witterung trotzen und gestern Abend auf der Straße sogar Hütten bauen. "Aber wir haben ein Zeichen gesetzt", sagen die Protestler, zu denen anfänglich als prominenteste Teilnehmerin auch Grünen-Bundeschefin Claudia Roth gehört. Doch kaum sind Fotos und Filme im Kasten, sucht die Augsburgerin ("Ich war schon vor 28 Jahren bei einer Demo hier") das Weite.
Der Blockade vorausgegangen ist eine Demonstration, deren Ausmaß selbst die Vorstellungskraft der Veranstalter sprengt. 15000 Menschen haben sich zu einem Protestzug vereint, sogar aus weit entfernten Städten wie Freiburg und Dresden sind Kernkraftgegner mit Bussen ins Wendland gereist. "Wer glaubt, dass Gorleben nur ein regionales Problem ist, der sieht sich heute getäuscht", ruft Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg angesichts der Riesenresonanz voller Stolz.
Durch ein Spalier von 350 Treckern der "Bäuerlichen Notgemeinschaft" zieht der kilometerlange Tross zur Kundgebung bei den Atomanlagen. Es ist ein buntes Bild: Neben Protest auf Plakaten und Spruchbändern ("Wie viel Asse braucht man, um Gorleben auszustechen?") sorgen Trommeln und Tänzer, Kraken und Clowns für karnevaleske Züge.
Mittendrin liefern sich Grüne und Linke eine Art Wettstreit um die Vorherrschaft bei den örtlichen Atomkraftgegnern. So haben die Grünen kurzerhand einen Parteitag in Berlin verlegt und fast die komplette Spitze – von Roth bis zu den Fraktionschefs Fritz Kuhn und Renate Künast – nach Gorleben beordert, in Zeitungsanzeigen mobil gemacht, Dutzende Fahnen und Banner organisiert und eigens Sticker mit dem Aufdruck "Grün stellt sich quer" fabrizieren lassen.
Da können die Linken nicht mithalten – trotz eines rollenden Infostandes und obwohl ihr örtlicher Abgeordneter Kurt Herzog sogar als Musikant bei der Kundgebung auftreten darf. "Atom, das ist u n s e r Ding", behauptet Kuhn denn auch trotzig, und die Grünen-Bundestagsabgeordnete Brigitte Pothmer meint kess: "Da sieht man eben den Unterschied zwischen Original und Kopie."
Auf der Kundgebung ist es dann Hartmut Meine, Chef des IG-Metall-Bezirks Hannover, der kräftige Töne anschlägt. Er fordert den Stopp aller aktuellen Endlagerpläne und warnt vehement vor einem Ausstieg aus dem Atomausstieg. Aufs Korn nimmt er dabei Union und FDP wegen des Liebäugelns mit dem Neubau von Kernkraftwerken. "Schwarz-Gelb heißt Atomstrom, und wer Atomstrom nicht will, muss alles tun, damit es bei der Bundestagswahl nicht zu einer schwarz-gelben Koalition kommt", beschwört Meine ein Bündnis zwischen Gewerkschaften und Anti-AKW-Bewegung.
Nach der Kundgebung beginnt dann das übliche Katz- und-Maus-Spiel zwischen Aktivisten verschiedenster Gruppen und der Polizei. Zuerst die Blockade am Zwischenlager, dann klinken sich Anhänger von "Robin Wood" in Bäumen fest.
Auch entlang der Bahnstrecke nach Dannenberg kommt es den ganzen Sonntag über zu Scharmützeln: Erst zünden Militante Strohballen an und beschießen die Polizei mit Feuerwerkskörpern, dann werden Gleise beschädigt, und schließlich müssen Hunderte Blockierer von den Schienen geholt werden. Am Ende droht sich die Ankunft des Zuges in Dannenberg um einen ganzen Tag zu verspäten.
Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung