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Süddeutsche Zeitung
von Sibylle Haas
München - In Deutschland droht fünf Prozent der Vollzeitbeschäf tigten die Armut. Die Finanzkrise und ihre Folgen könnte die Zahl derjenigen, die unter die Armutsgrenze rutschen erhöhen. Dies geht aus einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg hervor, die am Donnerstag veröffentlicht worden ist.
Als armutsgef ährdet gilt, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens leben muss. Im Jahr 2006 waren das laut IAB bei Alleinstehenden 837 Euro und für ein Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren 1758 Euro. Die lAB-Auswertung beruht auf dem sozio-ökonomischen Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW in Berlin. Dabei handelt es sich um eine repräsentative Längsschnittstudie privater Haushalte in der Bundesrepublik Deutschland. Die letzten zur Verfügung stehenden Zahlen für ein ganzes Jahr stammen aus dem Jahr 2006, schrieb das IAB.
Der Niedriglohnsektor ist seit Mitte der Neunziger Jahre deutlich gewachsen, zeigt die Untersuchung. Gründe für die Zunahme der Niedrigeinkommen sieht das lAB mitunter in der sinkenden Tarifbindung in Deutschland. Nur noch etwas mehr als die Hälfte der Beschäftigten werde heute von Flächentarifverträgen erf asst. Mitte der neunziger Jahre seien es noch etwa zwei Drittel gewesen. Darüber hinaus verschlechtere sich durch die Globalisierung der Wirtschaft die Wettbewerbssituation von Menschen mit geringen Qualifikationen in den Industrieländern. Außerdem sei der Strukturwandel für die Zunahme von Niedriglöhnen verantwortlich, heißt es weiter. So gebe es eine Verschiebung hin zur Dienstleistungsgesellschaft und damit auch zu Branchen, in denen die Löhne niedrig seien, wie etwa im Handel.
Von einer Annäherung an amerikanische Verhältnisse kann nach Einschätzung der Nürnberger Arbeitsmarktforscher dennoch nur bedingt die Rede sein, "eher von einem in beiden Ländern gemeinsamen Trend zum allmählichen Anstieg der Erwerbsarmut". Durch staatliche Sozialleistungen sowie das Steuerund Abgabensystem seien Geringverdiener in Deutschland deutlich besser vor Armut geschützt als in den USA, betont das IAB.
Die Grünen im Bundestag sehen in der' Studie ein "Armutszeugnis" für die schwarz-rote Koalition, deren Untätigkeit sich nun räche. Auch das zweite Konjunkturpaket ändere daran nichts. Deutschland brauche Mindestlöhne für alle Branchen und eine Senkung der Abgabenlast für kleinere Einkommen. "Das Gekungele nach Koalitionsräson muss aufhören", sagte die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen, Brigitte Pothmer. Sie forderte, mehr in die schulische und berufliche Qualifikation der Arbeitslosen zu investieren, anstatt "viel Geld mit Ein-Euro-Jobs zu verpulvern".