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VON MARTINA PRANTE
HILDESHEIM. Zum ersten Mal vor Öffentlichkeit spielen. Zum ersten Mal all das, was sie gelernt haben, auf Wirkung ausprobieren. Zum ersten Mal aber auch heftigen Beifall ernten.
Die elf Mitglieder des HartzIV-Theaterprojekts stellen Szenen aus Aristophanes "Die Vögel" im Mehrgenerationenhaus vor. Initiiert wurde das Vorzeigeprojekt vom Jobcenter, geleitet von Mitarbeiterinnen des Theaterpädagogischen Zentrums.
Zu Gast sind bei dieser Probe Vertreter aus Politik, von Job-Center, Stadt, Volkshochschule und TfN. Alle wollen sich ein Bild machen, ob die Finanzierung von Theaterspiel für Langzeitarbeitslose Früchte trägt. Und die Begeisterung ist groß, weil alle spüren, hier wird nicht nur ein Text heruntergesagt, sondern gelebt. Auch wenn die schwierigen Worte noch nicht perfekt sitzen, die Theaterpädagoginnen mit ausladenden Bewegungen zu mehr Aktion auffordern und der Chor noch einem Kanon ähnelt, wird deutlich, dass diese Menschen froh sind, an einer gemeinsamen Aufgabe sinnvoll arbeiten zu können. Und dabei sogar noch Spaß zu haben. Und bis zur Premiere im Juni bleibt noch Zeit …
Seit September beschäftigen sich die Männer und Frauen unter Anleitung der Theaterpädagoginnen Hannah Dobiaschowski und Harriet Heimann im Mehrgenerationenhaus dreimal die Woche mit Theater. Am Anfang ganz praktisch, nämlich mit dem Abriss der alten Bühne im Saal. Immerhin werden die Projektteilnehmer als 1-Euro-Jobber für ihre Arbeitsstunden auch bezahlt. Dann immer mehr mit dem antiken Stück, dass die Leiterinnen wegen der schönen Sprache, aber auch wegen des Themas ausgewählt haben: "Drei brechen in eine neue Welt auf", erläutert Heimann. Allerdings ist die mit fünf Stunden längste Komödie der Antike rigoros auf anderthalb Stunden gekürzt.
Und viele Teilnehmer des sinnstiftenden Projekts konnten sogar ihr Scherflein dazu beitragen. Martin Bodenburg kennt sich in griechischer Mythologie aus, Manfred Dudek erläuterte die politische Dimension, und Andrea Jördens übersetzte den Text, weil sie in Griechenland gelebt hat.
Inzwischen haben sich die Mitspieler kennen- und verstehen- und den Text lieben gelernt. Einmal mussten Rollen umbesetzt werden, weil zwei Mitspieler "an den Arbeitsmarkt verloren" wurden, wie Heimann formuliert. Zwei weitere könnten demnächst auch vermittelt sein. Grundsätzlich eine Freude, fürs Spiel immer wieder eine Neuorientierung. Aber das hält bekanntlich flexibel. Probleme mit ihrem neuen "Job" haben die Teilnehmer wenig. "Die Reaktionen sind überwiegend positiv. Aber es gibt auch Menschen, die sich ärgern, das wir als HartzIV-Empfänger auf Kosten des Staates Theater spielen", erzählt Martin Bodenburg. Dabei sind sich alle einig, dass man bei diesem Projekt zwar auch Theater spielen lernt, aber auch Teamarbeit, Krisenbewältigungskompetenz und Integration auf dem "Lehrplan" steht. Andrea Jördens, gelernte Erziehungs- und Sozialpädagogin: "Ich habe gelernt, aus mir herauszugehen." Außerdem hat sie "verstecktes Bewerbungstraining" im Spiel entdeckt. Aber auch Fähigkeiten wie Brot backen, Stepptanz und Kostüme entwerfen gehören zum "Lehrplan". "Wir sind ein richtiges kleines Familienunternehmen", freut sich Heimann. Radovin Zips formuliert: "Ich bin mein Leben lang gegen alles gewesen. Jetzt bin ich endlich mal dafür."
Premiere von "Die Vögel" mit der "HartzIVTheatergruppe" ist am 11. Juni um 19.30 Uhr in der Kulturfabrik.
(c) Hildesheimer Allgemeine Zeitung