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19. Juni 2009

"600 000 Lehrstellen gesucht"

Der Bundesarbeitsminister und der Gewerkschaftsbund fürchten in diesem Jahr einen Mangel an Ausbildungsplätzen und schwindende Chancen für Bewerber

Von Thomas Öchsner

Berlin - Der Ausbildungspakt von Bundesregierung und Wirtschaft steht vor dem Aus. Bei dem Spitzentreffen am Freitag zeichnet sich keine gemeinsame Erklärung zur geplanten Zahl der Lehrstellen ab. Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) fordert mindestens 600 000 neue Ausbildungsverträge in diesem Jahr. Die Wirtschaftsverbände halten diese Vorgabe wegen der Krise und geringeren Zahl von Schulabgängern für nicht erfüllbar.

Beim federführenden Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und im Zentralverband des Deutschen Handwerks wird vermutet, Scholz wolle mit der positiven Meldung einer Lehrstellengarantie in den Wahlkampf ziehen. Der Minister sieht dies ganz anders: Er befürchtet, dass es junge Leute in diesem Jahr erheblich schwerer haben werden, eine Lehrstelle zu ergattern. Dies geht aus einer Analyse hervor, die das Ministerium am Donnerstag vorgelegt hat. Danach wären 2009 mindestens 600 000 neue Ausbildungsverträge nötig, "damit sich die Chancen der ausbildungsinteressierten Jugendlichen gegenüber 2008 nicht verschlechtern". Im Vorjahr verzeichnete der Berufsbildungsbericht 616 000 neue Verträge. Das Arbeitsministerium weist aber darauf hin, dass allein in Westdeutschland Mitte bis Ende der achtziger Jahre teilweise sogar gut 700 000 Lehrlinge eine Stelle bekamen.

2009 sieht es jedoch deutlich düsterer aus: Die Prognosen reichen von einem Minus von knapp 20 000 bis 60 000 Ausbildungsplätzen. Darauf deuten auch erste Zahlen für 2009 hin: Bis Ende Mai wurden bei den Industrie- und Handelskammern 5,7 Prozent weniger Lehrverträge abgeschlossen als bis zum selben Monat im Vorjahr. Beim Handwerk beläuft sich der Rückgang auf fast zehn Prozent.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) schlägt Alarm: "Wenn in diesem Jahr nicht mindestens 600 000 neue Verträge unter Dach und Fach kommen, wird trotz des demographischen Rückgangs der Bewerberzahlen die Bugwelle der Altbewerber weiter wachsen. Wir brauchen für diese Gruppe dringend zusätzliche Ausbildungsplätze", sagte Ingrid Sehrbrock, stellvertretende DGB-Vorsitzende, der Süddeutschen Zeitung.

Die Zahl dieser Altbewerber, die nicht sofort nach ihrem Schulabschluss eine Lehrstelle erhalten, beläuft sich auf gut 320 000 Jugendliche. Ihr Anteil ist nach Angaben des Arbeitsministeriums zuletzt stetig gewachsen. Dieses Jahr wird er aber zurückgehen. Jährlich würden 81 000 Jugendliche, viele ungewollt, eine Warteschleife einlegen, etwa in einer Berufsfachschule oder in einem Berufsgrundbildungsjahr. Der Aufenthalt in diesem Übergangssystem führe dazu, "dass das durchschnittliche Einstiegsalter in die Berufsausbildung in den letzten Jahren auf 19,3 Jahre gestiegen ist", heißt es in der Analyse des Ministeriums:

Im Ausbildungspakt hatte sich die Wirtschaft vor fünf Jahren verpflichtet, jedem jungen Menschen, der ausbildungswillig und ausbildungsfähig ist, ein Angebot zu machen. Der Pakt wurde 2007 für drei Jahre verlängert. Die Bundesregierung verzichtete im Gegenzug darauf, eine Abgabe für jene Betriebe einzuführen, die nicht ausbilden.

Schlecht ist auch die Bilanz bei dem Ausbildungsbonus, den die Koalition am Freitag auf Lehrlinge insolventer Betriebe ausweiten will. Der Bonus in Höhe von 4000 bis 6000 Euro für Arbeitgeber, die Altbewerber ohne Schulabschluss, mit Sonder- oder Hauptschulabschluss als Lehrlinge anstellen und im Vergleich zum Vorjahr zusätzliche Azubis beschäftigen, wurde bis Ende Mai nur in knapp 15 000 Fällen in Anspruch genommen. Dabei war geplant, bis 2010 auf diese Weise 100 000 zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen. Dieses Ziel scheine derzeit "weit entfernt", sagte Sehrbrock.

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Heinrich Driftmann, hält es zwar gerade in der Wirtschaftskrise für sinnvoll, wie geplant den Bonus für Azubis aus Insolvenzbetrieben zu erweitern. "Bei der Ausbildung von lernschwachen Jugendlichen hilft den Betrieben jedoch keine Geldspritze", sagte er der SZ. Vielmehr gehe es darum, diese Betriebe gezielt bei der Ausbildung zu unterstützen. Dazu zähle Nachhilfeunterricht sowie in vielen Fällen eine sozialpädagogische Betreuung. "Daher geht der Bonus für diese Zielgruppe weitgehend ins Leere und wird von den Betrieben so wenig genutzt", sagte Driftmann. Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen, Brigitte Pothmer, bezeichnete den Bonus als zweifelhaft. Nach ihren Angaben haben mindestens drei Länder den Bundeszuschuss zum Anlass genommen, eigene Landesprogramme mit demselben oder einem ähnlichen Ziel einzustellen. Außerdem sei er teurer als bisherige Programme. "Ein Ausbildungsplatz wird mit mehr Geld gefördert als zuvor, ohne dass feststeht, dass dadurch auch mehr Ausbildungsplätze akquiriert werden", sagte Pothmer.

(c) Süddeutsche Zeitung GmbH, München

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