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15. August 2009

"Jeder Fünfte hat nur einen Billigjob"

Studie: Niedriglohnsektor weitet sich aus / Vier bis sechs Euro pro Stunde sind keine Seltenheit

VON JULIA BEATRICE FRUHNER

Hannover. Immer mehr Niedersachsen sind trotz Arbeit arm: Der Billigjobsektor weitet sich aus, wie eine Studie des Instituts für Regionalforschung der Universität Göttingen im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) belegt.

Zurzeit liegt der Anteil der niedersächsischen Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor bei mindestens 21,5 Prozent. Bei den 2,9 Millionen Beschäftigten, die das Bundesland zählt, sind das rund 623 000 Arbeitnehmer. Jeder Fünfte arbeitet demnach für einen Stundenlohn von weniger als 9 Euro brutto. "Niedriglöhne von vier bis fünf Euro sind keine Seltenheit", sagte Markus Krüsemann, einer der beiden Verfasser der Studie, gestern in Hannover.

Weil aktuelle Zahlen noch nicht vorliegen, zeichnet die Erhebung ein Bild der Situation im Jahr 2007. "Die Finanzkrise dürfte sich jedoch nicht gut auf den Trend auswirken", sagte Krüsemann.

"Problembranchen" sind nach Auskunft des Wissenschaftlers vor allem das Hotel- und Gaststättengewerbe, das Bäckereihandwerk, das Wach- und Sicherheitsgewerbe sowie der Einzelhandel. Dort müssen sich die geringfügig Beschäftigten mit durchschnittlich vier bis sechs Euro Bruttolohn in der Stunde zufriedengeben.

Doch auch die meisten Teilzeit- und Vollzeitkräfte arbeiten im Schnitt für weniger Geld als etwa im Dienstleistungsbereich. "Es gibt eine Erosion der Tarifstrukturen", beklagte Krüsemann. "Wir sind in vielen Bereichen nicht mehr in der Lage, Tarifautonomie zu wahren", bestätigte der ver.di-Landesleiter Niedersachsen- Bremen, Siegfried Sauer. Denn Arbeitgeberverbände ließen mittlerweile häufig Mitglieder ohne Tarifbindung zu.

"Ausbeutung ist in Niedersachsen inzwischen Realität", sagte der DGB-Vorsitzende in Niedersachsen, Bremen und Sachsen-Anhalt, Hartmut Tölle. Immer mehr Menschen könnten trotz Vollzeitjob ihre Existenz nicht mehr ausreichend sichern. Niedriglöhne mit Sozialleistungen aufzustocken koste den Staat allein in Niedersachsen jährlich die "horrende Summe" von 420 Millionen Euro. "Da wird die Würde des Menschen mit Füßen getreten", sagte Tölle. Seit Jahren macht sich der DGB für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns von 7,50 Euro stark. Der Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN), Volker Müller, hielt dagegen. "Jobs im Niedriglohnsektor tragen dazu bei, dass Arbeitsplätze sichergestellt werden und Langzeitarbeitslose einen besseren Wiedereinstieg in eine Beschäftigung finden können."

Die Arbeitsmarktexpertin der Grünen, Brigitte Pothmer, verteidigte in einer Podiumsdiskussion des DGB jedoch den Mindestlohn. "Dabei werden keine Arbeitsplätze vernichtet", betonte sie. Der Mindestlohn sei nicht nur ein Kostenfaktor für die Unternehmen. Er schaffe Kaufkraft und damit Arbeitsplätze.

Sebastian Lechner, Landesvorsitzender der Jungen Union, nannte den Glauben an positive Wirkungen einer Lohnuntergrenze "naiv". Die Bundestagsabgeordnete Edelgard Bulmahn (SPD) entgegnete hingegen: "Diese Auffassung ist volkswirtschaftlich dumm. Niedrige Löhne bringen die sozialen Sicherungssysteme ins Schwanken.

(c) Hannoversche Allg. Zeitung

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