

Leine-Nachrichten, 11.9.09 (über den Besuch Brigitte Pothmers in Hemmingen am 10.9.)
Das dreigliedrige Schulsystem hat keine Zukunft mehr. Diese Ansicht hat die niedersächsische Spitzenkandidatin der Bündnisgrünen. Brigitte Pothmer, bei einem Besuch der Hemminger KGS geäußert.
VON STEFAN VOGT
HEMMINGEN-WESTERFELD.Der Blick auf die neue Mensa und das frisch gestrichene KGS-Gebäude macht auf die Kandidatin Eindruck. „Ihr seid reich“, sagt Brigitte Pothmer zu Bürgermeister Claus Schacht. „Nicht mehr“, korrigiert dieser. Auf Einladung der Grünen ist die Politikerin mit Listenplatz eins – vor Jürgen Trittin – nach Hemmingen gekommen. Der hiesige Ortsverband will sie gern einspannen, um eine bessere Vertretung seiner Interessen im Bundesparlament zu erreichen. Pothmer ist interessiert.
Visite (von links): Bundestagsspitzenkandidatin Brigitte Pothmer schaut sich mit Jürgen Grambeck und Harald Paul sowie der Wahlkreiskandidatin Dorota Szymanska die KGS-Mensa an. Bürgermeister Claus Schacht erläutert. Foto: Vogt
Den Aufenthalt in der Mensa nutzt sie nicht zum Essen, sondern um sich politisch Luft zu verschaffen. Das Land leide an einer ideologischen Schulpolitik, mit der es aber nicht mehr lange weitergehen wird. „Der demographische Wandel wird die Dreigliedrigkeit wegfegen“, sagt sie. In ländlichen Gebieten gebe es jetzt schon Probleme die Klassen zu füllen.
Wegen zu großer Klassen und einer zu kleinen Anzahl von Lehrern entstünden Bildungsdefizite, die der Staat mit viel Geld auffangen müsse. „Das Schulsystem produziere ein Viertel eines Jahrgangs als Bildungsverlierer“, ergänzt Dorota Szymanska, die an der Seite Pothmers unterwegs gewesen ist. Diese Probleme zu lösen, ist für die Spitzenkandidatin eine nationale Aufgabe, bei der sich der Bund nicht heraushalten könne.
Weserkurier, 12.09.09 (über die Veranstaltung zur Juniorwahl im Niedersächs. Landtag)
Hannover. Carl-Ludwig Thiele schaut etwas irritiert drein. Endlich kann sich der erfahrene FDP-Bundestagsabgeordnete aus dem hartnäckigen Fragengewitter des 18-jährigen Gymnasiasten Jürgen Meyer ein wenig lösen und heimst mit seiner Kritik an der Auto-Abwrackprämie spontanen Beifall ein, da würgt Radio-Moderator Andreas Kuhlage das Klatschen schon wieder ab. Das sei hier nicht erlaubt. "Warum?", fragt Thiele verwundert. © Peter MlodochDie Schüler Jürgen Meyer aus Osterholz-Scharmbeck (vorn) und Nicolas Ulrich aus Ritterhude haben im Landtag die Ministersessel eingenommen.
Weil an diesem Donnerstag im Niedersächsischen Landtag andere Regeln gelten. 250 Schüler aus dem ganzen Land hat Parlamentspräsident Hermann Dinkla (CDU) im Rahmen des Projekts "Juniorwahl" nach Hannover geladen.
Fünf Jugendliche, Sieger bei früheren Debattenwettbewerben, dürfen sich mit den fünf niedersächsischen Spitzenkandidaten von CDU, SPD, FDP, Grünen und Linken über jeweils ein bestimmtes Thema und in einem penibel festgelegten Zeitrahmen streiten.
Spannende Rededuelle
Trotz oder gerade wegen des Beifalls- und Buh-Verbots entwickeln sich spannende Rededuelle. "Ich würde mir wünschen, dass manche unserer Landtagsdebatten auch so verlaufen würden", schwärmt Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) über den Nachwuchs. "Da sitzt vielleicht schon die Regierung von morgen."
Jürgen Meyer vom Gymnasium Osterholz-Scharmbeck mag sich allerdings noch nicht ein Leben als Berufspolitiker vorstellen. Aber einen solchen zu löchern, das macht ihm sichtlich Spaß. FDP-Finanzfachmann Thiele muss erklären, warum denn dessen Partei unbedingt die Steuern senken wolle. "Wenn Sie die Einnahmen des Staates senken, gehen doch zwangsweise auch die Leistungen des Staates etwa für Bildung zurück", argumentiert der Schüler. Thiele versucht gegenzuhalten. Weniger Steuern, mehr Wachstum, größere Steuereinnahmen, lautet seine Formel. Der 18-Jährige, der selbst keiner Partei angehört, hakt nach. Welche Steuern sollen gesenkt werden, wie weit sollen sie konkret runter gehen?
Von der Leyen und Buhlmann in Bedrängnis
Auch die anderen vier Polit-Profis sehen sich bohrenden Fragen ausgesetzt. CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen soll der 17-jährigen Sarah Müller von der Oldenburger Liebfrauenschule erläutern, wie der Staat die Firmen zu mehr Familienfreundlichkeit bewegen kann und warum er es überhaupt sollte. "Das ist doch Sache der Unternehmen selbst", sagt die junge Frau keck. Von der Leyen spricht von Anreizsystemen, nennt ein kinderfreundliches Klima in den Firmen als Wettbewerbsvorteil.
Beim Thema Gesamtschulen wird der Ton etwas schärfer. Die 17-jährige Laura Sue vom Göttinger Otto-Hahn-Gymnasium tritt als vehemente Verfechterin des dreigliedrigen Schulsystems auf. Ex-Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) redet sich fast schon ein wenig in Rage, um Gesamtschulen als Allheilmittel gegen die soziale Benachteiligung zu preisen. Mit zehn Jahren dürfe man noch nicht über den weiteren Lebensweg eines Kindes entscheiden, sagt die Bundestagsabgeordnete und nennt den Sohn von Auswanderern aus Russland als Beispiel: in Mathe eine eins, aber eine Hauptschulempfehlung wegen mieser Deutschkenntnisse. Die würde eine Gesamtschule auch nicht verbessern helfen, erwidert Laura Sue trocken. Knallharte Gegenargumente bekommt auch die Grüne Brigitte Pothmer zu hören, die die Bildungspolitik zur Bundesangelegenheit machen will.
Dieter Dehm läuft ins Leere
Und Diether Dehm, Liedermacher und Linken-Spitzenkandidat beißt sich mit seinen Klassenkampfparolen am Redetalent des 17-jährigen Nicolas Ullrich vom Gymnasium Ritterhude die Zähne aus. "Private Banken sind notwendig für die Wirtschaft", entgegnet der Schüler sachlich der Verstaatlichungsforderung Dehms. Es entspinnt sich ein munterer Fachdialog über die Rolle der Sparkassen und die Moral der Großbanken.
Langweilige Politik? Fast drei Stunden ohne Pause halten die 250 Schüler im Plenum aus, viele beteiligen sich an den Fragerunden. "Das war ganz hervorragend", lobt Ministerin Heister-Neumann. "Ich konnte hier sehr viel von Ihnen lernen."