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Grüner Salon

29. April 2010

Grüner Salon - "Heimat ohne Schnulze, Blut und Boden – brauchen wir einen linken Patriotismus?"

Am 27.04.2010 hatte Brigitte Pothmer erneut in den Grünen Salon nach Hannover eingeladen: "Heimat ohne Schnulze, Blut und Boden – brauchen wir einen linken Patriotismus?" Zahlreich war das interessierte Publikum erschienen um ein spannendes Thema zu diskutieren: Gibt es eine linke Heimat? Wie weit ist Patriotismus vom Nationalismus entfernt? Kann Heimat auch multikulturell definiert werden und wie besiegt man das völkische Gestern?

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Der Schriftsteller Robert Habeck und Grünen-Fraktionsvorsitzende im Landtag von Schleswig-Holstein will den Konservativen ein Monopol streitig machen. Seine These: Heimat ist da, wo wir Verantwortung übernehmen. Für eine emanzipatorische-progressive Politik sei es an der Zeit, sich den Heimatbegriff anzueignen. Viel zu lange hätten Industrieunternehmen mit Landesfahnen auf Internetseiten eine heimatschädliche Wirtschafts-, Klima und Umweltpolitik vertreten und falsche Identifikation betrieben.

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Es diskutierten Robert Habeck, Schriftsteller, B90/Die Grünen, Brigitte Pothmer, MdB, B90/Die Grünen und Hilal Sezgin, Schriftstellerin und Journalistin.

In der HAZ vom 29.04.2010 schrieb darüber der Redakteur Karl-Ludwig Baader.

(Artikel aus der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" im Wortlaut / 29. 4. 2010)

Sag mir, woher die Begriffe sind

Seit dem Zweiten Weltkrieg leiden die Deutschen an einem Phantomschmerz. Ausgelöst wird das Leiden durch das Gefühl, dass etwas fehlt, durch eine Leerstelle im kollektiven Gemüt, die viele beunruhigt: den angeblichen Mangel an Nationalbewusstsein. Mit einer gewissen Melancholie, vielleicht sogar mit Neid beobachten viele Deutsche ihre Nachbarn, wenn die ihren Nationalstolz so selbstverständlich demonstrieren. Wenn, das ist alle paar Jahre wieder der Fall, das Leiden ein überdurchschnittliches Ausmaß annimmt, dann ist wieder mal eine Gesprächstherapie, vulgo: eine „Debatte“ über den Begriff der Nation erforderlich.

Man hat freilich den Eindruck, dass spätestens seit dem Fußballsommermärchen 2006 der Leidensdruck etwas abgenommen hat, aber noch immer beglückwünschen sich die, die das Thema gerade wieder auf die Agenda zu setzen versuchen, jedes Mal selbst zu ihrem „Mut“, als würden sie nun endlich (!) ein mächtiges Tabu brechen. Konservative sprechen dann gern von der Notwendigkeit einer „deutschen Leitkultur“ und bringen damit eine Leerformel ins Spiel, die vor allem mit bundesdeutschen Gemeinplätzen gefüllt wird, in der aber auch Antiquitäten aus unserer romantischen Tradition, ja, gelegentlich auch völkischer Restmüll Platz finden. Man hofft, mit dem Nationalgefühl wohl einen Heiligen Gral zu finden, der uns heilt von den Wunden, die die Nazigeschichte unserem nationalen Ego schlug.

Von links her betrachtet ähnelt dieses Bedürfnis nach Nationalstolz eher der Büchse der Pandora. Wer sie öffnet, so die Furcht, riskiert die Wiederkehr der alten chauvinistischen Dämonen. Was also tun? Das Thema ignorieren und den Rechten überlassen? Oder soll man sich draufsetzen, also – wie es in den Kategorien des innenpolitischen Kulturkampfs heißt – diese heiklen Begriffe „besetzen“, will heißen: mit den eigenen Inhalten füllen? Diese Strategie hat nun, wie einige andere Linke in den vergangenen Jahrzehnten schon vor ihm, auch der Autor und derzeitige Fraktionsvorsitzende der Grünen in Schleswig-Holstein, Robert ­Habeck, in seinem Buch „Patriotismus. Ein linkes Plädoyer“ (Gütersloher Verlagshaus, 207 Seiten 19,95 Euro) vorgeschlagen.

Die Stiftung Leben & Umwelt hat ihn zum Grünen Salon in die Üstra-Remise zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen. Dort sollte er mit der Schriftstellerin Hilal Sezgin und der als Moderatorin agierenden grünen Bundestagsabgeordneten Brigitte Pothmer über das Thema „Heimat ohne Schnulze, Blut und Boden – brauchen wir einen linken Patriotismus?“ sprechen. Gerade weil dieses Thema hierzulande so emotional aufgeladen ist und über den Inhalt des Begriffs so wenig Einigkeit besteht, bedarf es vor allem eines: der Klarheit. Damit haperte es an diesem Abend gewaltig – und das lag am unaufgeräumten Gedankenhaushalt des Autors.

Im weiten Raum zwischen Regionalismus und Kosmopolitismus, in dem Habeck voller Emphase umherirrte, fand er für seinen „linken Patriotismus“ keinen sicheren (Ge-)Halt. Jedenfalls bindet er den Begriff nicht ans Territorium, nicht an Deutschland, eher an den Begriff Heimat. Es geht, so viel scheint sicher, um das Gemeinwohl und die Überwindung alter innenpolitischer Feindbilder. Statt die üblichen Streitfronten zu stabilisieren, sollten Gemeinsamkeiten mit den Konservativen gesucht werden. Mit dem Begriff des Patriotismus, glaubt Habeck, ließe sich am besten an das Verantwortungsbewusstsein der Bürger appellieren. Jedenfalls reibt er sich an den 68-ern, die angeblich staatsfeindlich sind (oder waren).

Er fordert ein positives Verhältnis zum Staat, der mit seinen Regeln die Freiheit schützt. Verfassungspatriotismus, den er auf den linken Habermas statt auf den liberal-konservativen Dolf Sternberger zurückführt, reiche nicht, es brauche mehr Emphase und Pathos für das Ganze. Wo jetzt der emotionale Mehrwert des Patriotismus-Begriffs gegenüber einer bloßen (?) Forderung für mehr Gemeinsinn, Engagement und Verantwortungsbewusstsein liegt, konnte Habeck nicht vermitteln. Leider war auch der richtige Hinweis auf die unterlegene Freiheitstradition der Deutschen allzu diffus.

Tatsächlich ist es ein Elend, dass diese Republik weder empathisch noch emphatisch mit ihrem Erbe umgeht: der gescheiterten bürgerlichen Revolution des 19. Jahrhunderts wie dem Widerstand gegen die totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Und es wäre schön, es gäbe einen Weg, der von einem melancholischen zu einem emphatischen Republikanismus führte. Dazu fehlt Habeck aber der Kompass. Er konnte leider auch mit den intelligenten Formulierungshilfen nichts anfangen, die ihm Pothmer und Sezgin in geradezu rührend-fürsorglicher Schwesterlichkeit zu geben versuchten.