

Die »Hildesheimer Allgemeine Zeitung« befragte die Hildesheimer Bundestagsabgeordneten zum Ausgang der Bundespräsidentenwahl. Brigitte Pothmer: „Selbstverständlich gratuliere ich Christian Wulff, obwohl er nicht mein Kandidat war. Hätte das Volk die Wahl gehabt, würde der neue BundespräsidentJoachim Gauck heißen. Das wäre gut gewesen, weil die Besetzung dieses Amtes nicht einer Partei oder Koalition zusteht. Immerhin haben viele Wahlfrauen und -männer von Union und FDP demonstriert, dass sie sich nicht widerspruchslos auf Linie bringen lassen." Nachfolgend der Artikel aus der HiAZ im Wortlaut.
Siehe auch (rechts) den aktuellen AudioPodCast mit einem Teleoninterview am Tag danach.
Artikel im Wortlaut übernommen aus der »Hildesheimer Allgemeinen Zeitung«
Berlin/Hildesheim (tem). Hochspannung bei der Wahl des Bundespräsidenten: Christian Wulff schaffte es erst im dritten Wahlgang. Die Redaktion fragte die drei Hildesheimer Bundestagsabgeordneten, wie sie die Wahl bewerten.
Bernhard Brinkmann (SPD): „Zunächst gab es zwei Paukenschläge - erst im dritten Wahlgang hat sich die zerstrittene Regierungskoalition doch noch nahezu geschlossen hinter ChristianWulff gestellt. Es bleibt das Verdienst der SPD, mit Joachim Gauck einen überparteilichen Kandidaten nominiert zu haben, der im Sturm die Sympathien der Bürger erobert hat unddessen besondere Eignung für das Amt auch CDU/CSU und FDP anerkennen mussten. Das haben die Ergebnisse der beiden ersten Wahlgänge sehr deutlich gezeigt.
Fast 50 Stimmen, die der Regierungskoalition im ersten Wahlgang gefehlt haben, sprechen eine klare Sprache. Für die Regierung Merkel/Westerwelle setzt sich das fort, was schon vonAnfang an Fakt ist: Strukturlosigkeit in der Koalition sowie unverkennbare Schwäche an derSpitze und in der Bund-/Länderkoordinierung im Kanzleramt dominieren – fast jeder macht, was er will. Nichtsdestotrotz gratuliere ich Herrn Wulff zu seiner Wahl und wünsche ihm für sein Wirken an der Spitze unseres Staates Glück und Geschick. Es gilt, den Menschen in Deutschland und darüber hinaus wieder das Vertrauen und Ansehen zu vermitteln, das fürunser höchstes Staatsamt erforderlich ist.“
Eckart von Klaeden (CDU): „Christian Wulff ist mit absoluter Mehrheit gewählt worden. Das ist ein phantastisches Ergebnis! Aber es stimmt auch: Die heutige Wahl des neuen Bundespräsidenten dauerte länger und war spannender, als viele erwartet hatten. Ich hätte mir gewünscht, die Entscheidung für Christian Wulff wäre bereits im ersten Wahlgang gefallen, hatte aber mit drei gerechnet. Eine Wahl im dritten Wahlgang ist nicht außergewöhnlich:Gustav Heinemann 1969 und Roman Herzog 1994 mussten sich auch drei Mal zurWahl stellen, und beide haben sich im Amt hohes Ansehen erworben.
Wenn die Opposition jetzt einen Zusammenhang zwischen den drei Wahlgängen und derBundesregierung herstellt, frisst sie ihre eigenen Worte, denn sie hatte vorher immerwieder den überparteilichen Charakter des Präsidentenamts und der Wahl betont. Oder war die Kandidatur von Joachim Gauck nicht doch nur parteitaktisches Kalkül? Das hätte er nicht verdient!
Wir können stolz sein, dass mit Christian Wulff ein Niedersachse Bundespräsidentwurde, der zudem enge Beziehungen zu Hildesheim hat. Er wird in den kommenden Jahren zeigen, dass er die richtige Wahl war.“
Brigitte Pothmer (Bündnis 90/Grüne): „Selbstverständlich gratuliere ich Christian Wulff, obwohl er nicht mein Kandidat war. Hätte das Volk die Wahl gehabt, würde der neue BundespräsidentJoachim Gauck heißen. Das wäre gut gewesen, weil die Besetzung dieses Amtes nicht einer Partei oder Koalition zusteht. Immerhin haben viele Wahlfrauen und -männer von Union und FDP demonstriert, dass sie sich nicht widerspruchslos auf Linie bringen lassen.
Trotzdem: Am Ende wurde dann doch der Parteiauftrag ausgeführt. Das ist enttäuschend für die vielen Bürgerinnen und Bürger, die sich eine Abkehr vom Prinzip, erst die Partei, dann das Land‘ gewünscht hatten. Als Bundespräsident muss sich Wulff für diese Bewegung viel stärker öffnen als in der Vergangenheit. Er hat – wie seine Partei – zu wenig Gespür für die Stimmung in der Bevölkerung gezeigt. Das muss anders werden, sonst wird er zur Krisenbewältigung und Überwindung der Politikverdrossenheit nichts beitragen können. Für die schwarz-gelbe Koalition ist der Wahlverlauf ein Debakel.
Sie hat selbst den Rückhalt in den eigenen Reihen verloren.“