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„Wir sind eingeladen“, mit diesen Worten legt mir meine Kollegin den Brief der Grünen-Fraktion auf den Tisch. „Wozu?“, frage ich, nehme den Brief hoch und angele nach dem Lineal, mit dem ich immer meine Post öffne. „Nach Berlin!“, ihre Augen strahlen. „Aha“, ich falte das Schreiben auseinander. Tatsächlich, meine Kollegin hat recht. Unsere Hildesheimer Bundestagsabgeordnete der Grünen, Brigitte Pothmer, hat uns, die KIBIS und die Mitstreiter in den Selbsthilfegruppen, zu einem Parlamentsbesuch in die Bundeshauptstadt eingeladen.
Mitten ins Epizentrum des politischen Schaffens. Kanzleramt, Bundestag, Reichstagskuppel und Mäuschen spielen im Parlament, dazu noch eine Sprechstunde mit Frau Pothmer und eine warme Mahlzeit im Besucher-Restaurant. Meine Kollegin wandelt im Geiste schon unter den Linden – obwohl, vielleicht eher doch auf dem Kuhdamm vor den Auslagen eines Schuhgeschäftes…
Ein Termin für die Fahrt ist schnell abgesprochen und es finden sich begeisterte Mitfahrerinnen und Mitfahrer. So tritt unsere kleine KIBIS-Gruppe mit zehn Personen die große Fahrt an. Sehr bequem vom Hildesheimer Bahnhof aus in zweieinhalb Stunden mit dem ICE bis zum neuen Berliner Hauptbahnhof. Dort angekommen machen wir uns zu Fuß auf den Weg. Rechts das Kanzleramt. „Ach, hier stehen also immer die Journalisten!“.
Hundert Meter weiter links ragt der Reichstag auf. Davor zwei Menschenschlangen, eine lange und eine sehr lange. Welcher Eingang ist unserer? Ich entscheide mich für die kürzere Wartereihe und habe recht. Denn wir haben ja eine Einladung. Die Leute in der anderen Reihe stehen für die Besichtigung der Kuppel an. An unserem Eingang werden die Gruppen einzeln eingelassen, die Teilnehmerlisten mit den Ausweisen kontrolliert. Eindeutig befinden wir uns hier in einem Sicherheitsbereich, bemerken wir beeindruckt. Alle Jacken ausziehen, Taschen aufs Band zum Durchleuchten. Und prompt fällt meine Tasche aus der Reihe, habe ich doch eine Spraydose Deodorant darin. Mit einem großen Aufzug geht es in das Foyer. Von dort aus pressen wir unsere Nasen an die Glasscheiben, durch die man die Parlamentssitzung von außen verfolgen kann.
Guido Westerwelle redet gerade. Die nicht Kurzsichtigen unter uns haben auch schon die Kanzlerin entdeckt. Dann wird auf die Besucherränge eingelassen. Vorher gibt es noch wichtige Benimmregeln: keine Zwischenrufe, weder positive noch negative. Und schön leise sein, um die Herren und Damen nicht bei ihrer Arbeit zu stören. Kein Problem, schon sitzen wir im Parlament und sind live dabei. Wir dürfen die Debatte mit anschließender Abstimmung über die finanzielle Unterstützung für Griechenland miterleben.
Später versammeln wir uns im Foyer zur Fragestunde bei Frau Pothmer. Trotz ihres Terminstresses an diesem Tag nimmt sie sich Zeit, um die Fragen aus der Runde zu beantworten. „Bin ich im Alter abgesichert?“ oder „Was wird aus unserem Sozialstaat?“ wollen wir wissen.
Etwas später stehen wir vor dem Einlass ins Besucher-Restaurant an. Ein – weibliches – Gruppenmitglied entdeckt Jürgen Trittin und schmilzt dahin, während andere Heiner Geißler zuwinken – und siehe da, er winkt zurück. Andere, vorwiegend männliche Gruppenteilnehmer, bestaunen die lackschwarzen Limousinen, die fahrbereit auf ihre Passagiere warten. Was uns eint, ist der knurrende Magen. Bildung macht hungrig. Vor dem Essen fassen durchlaufen wir wieder eine Kontrollstation samt Durchleuchtung unserer Habseligkeiten. Und wieder bleibe ich mit meinem Deospray hängen, das System funktioniert.
Nach dem Essen startet der touristische Part. Bis zur Abfahrt des Zuges sind es noch zweieinhalb Stunden, die jeder ganz individuell nutzt. Da geht es Shoppen auf den Kuhdamm (Schuhe?), wird die Reichstagskuppel erklommen oder das Brandenburger Tor besucht. Und ich, ja ich kann von Café aus einen Blick auf Ross Anthony von „Bro´Sis“ werfen, der gerade in ein Taxi einsteigt. Mein Berlin-Promi für heute.
Pünktlich finden wir uns rechtzeitig auf dem Bahnsteig, um unseren ICE zu erreichen. Das war ein langer, ereignisreicher Tag. Allesamt sind wir müde aber voller Eindrücke und stellen fest, dass es ein schöner Tag war, trotz Regen und Kälte. Aber was ist ungemütliches Wetter schon gegen Merkel, Trittin, Geißler, Pothmer und Ross Anthony.
Marina Stoffregen