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Im Gespräch mit der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung« fordert Brigitte Pothmer, Expertin für Arbeitsmarktpolitik der Grünen im Bundestag, eine Reform der Berufsausbildung.
Das Interview aus »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung« übernommen im Wortlaut.
Unter jungen Erwachsenen sind bis zu 17 Prozent arbeitslos, weil sie nicht oder mangelhaft ausgebildet sind – und das, obwohl die Wirtschaft händeringend nach Fachkräften sucht und es rechnerisch keine Lehrstellenlücke gibt. Warum?
Vergangenes Jahr gab es noch 150000 sogenannte Altbewerber, die in den Vorjahren vergeblich nach einem Ausbildungsplatz gesucht haben. Und 350000 Jugendliche landeten 2009 in Warteschleifen und nicht in einerAusbildung. Ihre Chancen auf Arbeit sind schlecht. Dies führt zu Fachkräftemangel bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit.
Ist die hohe Arbeitslosenquote nicht nur ein Ergebnis der gerade erst überwundenen Wirtschaftskrise?
Nach der Wirtschaftskrise erhalten gut Qualifizierte schnell einen neuen Job, Menschen ohne Berufsausbildung haben es dagegen schwer. So erklärt sich auch die hohe Arbeitslosenquote der jungen Erwachsenen. Das Gebot der Stunde wären Investitionen in Aus- und Weiterbildung. Die Arbeitsministerin macht leider das Gegenteil und kürzt die Mittel.
Wo liegen die Schwächen des weltweit oft gelobten dualen Systems aus Berufsschule und Ausbildung im Betrieb?
Das duale Ausbildungssystem ist ohne Zweifel gut. Aber: Viele kleine Betriebe haben nicht die Kapazität, um auszubilden, das duale System ist stark konjunkturabhängig, und Schwächere fallen durchs Raster. Daher wollen wir das System ergänzen.
Die Grünen setzen jetzt auf ein neues Konzept „DualPlus“. Was bedeutet das?
Unser Konzept schafft zusätzliche Ausbildungsplätze mit hohen betrieblichen Ausbildungsanteilen in neu ausgerichteten überbetrieblichen Ausbildungsstätten. Gelernt wird natürlich auch in Betrieben und in der Berufsschule. Die Ausbildung endet wie im dualen System mit einer Kammerprüfung.
„DualPlus“ verlagert einen Großteil der Ausbildung aus den Betrieben in andere, öffentliche Einrichtungen. Schafft das nicht einen Anreiz für Unternehmen, ihre betriebliche Ausbildung aus Kostengründen abzubauen?
Die Berufsausbildung wird nicht verlagert, sondern ergänzt. Betriebe, die keine vollständige Ausbildung übernehmen können, können Ausbildungskomponenten im Rahmen von „DualPlus“ anbieten. Wir setzen daher darauf, dass sich insgesamt nicht weniger, sondern mehr Unternehmen an der Berufsausbildung beteiligen.
Sie beklagen viele konkurrierende Ausbildungsförderprojekte im Bund, in den Ländern und den Kommunen. Ist es nicht Illusion zu glauben, dies alles ließe sich zentral vereinfachen?
Es gibt derzeit einen Förderdschungel, durch den selbst Experten nicht mehr durchfinden. Mit demErgebnis, dass junge Menschen vorübergehend in Maßnahmen und aus der Arbeitslosenstatistik verschwinden, hinterher aber ohne Ausbildung dastehen. Wir wollen die Programme in unser Konzept überführen. Dann haben am Ende alle Jugendlichen eine abgeschlossene Berufsausbildung und die Wirtschaft gute Fachkräfte.
Interview: Alexander Dahl