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21. November 2011

Seit drei Generationen im Widerstand

Familie Pothmer ThumbIm Wortlaut übernommen aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (21. November 2011):

Von Heinrich Thies

Jameln. Heinrich Pothmer gehört nicht zu den Menschen, die es gewohnt sind, im Lichte der Öffentlichkeit zu stehen. Der Landwirt hat die 57 Jahre seines Lebens in seinem Heimatort Teichlosen bei Jameln verlebt, ein Dorf, das nicht mehr als 50 Einwohner zählt – auf einem Wendland-Hof, der seit 580 Jahren im Besitz seiner Familie ist. Im Jahre 1979 aber fuhr Pothmer in einem langen Protestzug mit dem Trecker nach Hannover und hielt vor 100.000 Menschen eine Ansprache, die heute als historisch gilt. Die Rede war nicht nur an die versammelten Demonstranten gerichtet, sondern auch an den damaligen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht.

„Mein lieber Herr Albrecht“, sagte der Bauer bei strömendem Regen in seiner gelben Segeltuchjacke, „wie wüllt den Schiet nich herm“. Der Applaus war groß und wurde immer größer. „Mein lieber Herr Albrecht“, fuhr Pothmer fort, Überlegen Sie sich gut, ob Sie das riskieren wollen.“ Und an die Adresse seiner Zuhörer gerichtet rief der Wendländer: "Glaubt ihr, dass die uns hier wegkriegen, wenn wir uns auf die Straße setzen? Niemals, niemals!“ Niemand dachte mehr an den Regen, der Beifall wollte kein Ende nehmen.

Wenige Jahre zuvor war es in Pothmers Familie noch erzkonservativ zugegangen. Auch im Dorf galt der Spruch: „Hast du eine Kuh, wählst du CDU.“ Doch 1976 war alles anders geworden: Ministerpräsident Albrecht (CDU) hatte Gorleben zum Endlager für hochradioaktiven Atommüll auserkoren, und schon wenige Monate später hatte Heinrich Pothmer, damals 25 Jahre alt, die erste Demonstration seines Lebens organisiert: einen Treckerkonvoi nach Lüchow. Auch seine Eltern waren dabei. „Wir waren wie vor den Kopf geschlagen, dass die hier bei uns das Atomklo der Nation bauen wollten“, sagt Pothmer. „Wir leben hier seit Jahrhunderten von dem Boden und können nicht einfach weg, wenn alles verseucht wird.“ Fortan habe sein Vater Erwin mit dem Pantoffel nach dem Fernsehapparat geworfen, wenn Albrecht zu sehen war.

Mittlerweile blickt die Familie auf drei Generationen Castor-Widerstand zurück, und bald schon könnte der Protest in die vierte Generation gehen. Denn Sohn Fritz freut sich auf die Geburt seines ersten Kindes. Auch der 27-jährige Jungbauer hat schon seine erste Bewährungsprobe vor großem Publikum bestanden. 2009 fuhr er mit dem Trecker nach Berlin und sprach vor rund 50.000 Atomkraftgegnern vor dem Brandenburger Tor – sein Vater hatte ihm den Vortritt gelassen, um zu zeigen, dass auch die junge Generation den Widerstand mitträgt. Und Fritz enttäuschte nicht. „Ich bin einer von 350 Bauern, die hier heute sind“, rief er den Versammelten zu, unter denen auch sein drei Jahre jüngerer Bruder Klaus war. „Eigentlich ist es nicht unser Job zu protestieren, eigentlich werden unsere Trecker dringend bei der Kartoffelernte gebraucht. Aber wir können nicht anders.“

Wie sein Vater gehört auch Fritz Pothmer der „Bäuerlichen Notgemeinschaft“ an, die sich 1977 gründete. Der Bürgerinitiative (BI), die ein Jahr zuvor auf den Plan getreten war, habe man nicht so recht geglaubt, sagt Gründungsmitglied Heinrich Pothmer. „Wir hatten Angst, dass sie uns die Kommunisten auf den Acker holen.“ Doch schon bald arbeiteten beide Hand in Hand, und die Bauern beschränkten sich nicht mehr darauf, ihre Trecker mit Transparenten zu schmücken, sondern sie beteiligten sich auch aktiv an Blockaden. Immer wieder schafften sie es in den vergangenen Jahren, wie aus dem Nichts mit ihren schweren Schleppern auf der Castor-Transportstrecke aufzufahren und dort standhaft viele Stunden, oft sogar Tage zu verweilen – felsenfest verkettet und versorgt von ihren Frauen, die wie Heike Pothmer Kuchen backten, Suppe und Tee kochten und der mobilen „Volxküche“ Kartoffeln, Gemüse und Milch zur Weiterverarbeitung lieferten.

Dabei ging es bisweilen hart zur Sache. Denn Aufgabe der Polizei war es natürlich, die Straße irgendwann freizuräumen, und nicht immer ließen die Uniformierten mit Helm, Visier und Schlagstock Milde walten. Besonders brutal habe die Polizei 2003 zugeschlagen, erinnert sich Heinrich Pothmer. „Da ist eine ganze Hundertschaft auf uns zugestürmt, und die haben nicht nur die Trecker demoliert, sondern auch auf uns eingeprügelt.“ So mancher Arm sei ausgekugelt worden, manch einer habe eine Platzwunde davongetragen. „Hau bloß ab, wenn du nicht auch eins auf die Rübe haben willst“, habe ihm ein Polizist zugerufen. „Das war noch so das Freundlichste.“ Das habe sich tief eingeprägt.

Umgekehrt betonen die Pothmers, dass sie auch Gewalt in den eigenen Reihen ablehnen. Steinewerfen zum Beispiel. Fritz Pothmer erzählt, dass die Wendländer schon mal Vermummte zurückgehalten haben, die „über die Stränge geschlagen“ hätten. „Für uns hört es da auf, wo das Leben anderer gefährdet wird“, sagt Fritz, der schon als Schüler demonstriert hat und mit 17 an seiner ersten Treckerblockade beteiligt war. Selbstverständlich wollen sich Vater und Sohn auch in diesem Jahr wieder querstellen. Nebenbei muss der 200 Hektar große Biohof weiterlaufen, allein schon die 70 Kühe müssen zweimal am Tag gemolken werden – auch während der heißen Tage. Das Schöne an den Castor-Protesten aber ist, dass in der Regel eine Tochter des Hauses aus Berlin zu Besuch kommt: Heinrich Pothmers zwei Jahre jüngere Schwester Brigitte, die für die Grünen in der zweiten Legislaturperiode im Bundestag sitzt und bereits Landesvorsitzende ihrer Partei war. „Ich bin durch den Antiatomwiderstand politisiert worden“, sagt die Abgeordnete. „Jetzt arbeiten wir zwar auf unterschiedlichen Baustellen, aber wenn die Castoren rollen, gehen wir zusammen auf die Straße – und ich bleibe auch sitzen, wenn es ernst wird.“

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