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Heute bin ich genau 3 Monate in Chicago. Die Zeit ist so schnell vergangen. Ich fühle mich Zuhause und habe meine Gastfamilie ins Herz geschlossen.
Im Moment verbringe ich die Abende bis ca. 11 Uhr mit Hausaufgaben.
Meine Schule, das Walter-Payton-College-Preparatory, ist eine der besten Schulen der USA (Platz 47) und deshalb ziemlich anspruchsvoll. Ich lerne Französisch, Amerikanische Literatur, Chinesisch, Biologie, Mathe, Theater und Konflikte des 20. Jahrhunderts. Nach der Schule ist oft noch ein Treffen von einem Club. Ich bin Mitglied im Französisch, International und Model UN Club. Vorallem Model UN macht eine Menge Spass. Letztes Jahr war der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Herr Ban Ki-moon, an unserer Schule. Es ist immer eine Menge Arbeit die Konferenzen vorzubereiten, aber es lohnt sich. Alles in allem ist mein Leben hier Alltag geworden. Alltag der nichtsdestotrotz immer noch spannend ist.
Doch jetzt zu dem interessantesten Thema derzeit: Die Wahl am 4. November
Vorgestern saß meine Gastmutter geradezu depressiv am Esstisch und meinte nur, sie wüssste nicht, wie sie damit umgehen würde, wenn McCain Praesident wird. Viele haben Angst. Chicago ist fest in der Hand der Demokraten, wie eigentlich ganz Illinois, schließlich kommt Obama von hier. Sein Haus ist gar nicht so weit von meiner Schule entfernt, zurzeit aber komplett abgesperrt mit Polizeikontrollen und Barikaden.
Vor zwei Wochen war ich "Canvassing" (Stimmenwerben) in Indiana, einem Nachbarstaat. South Bend ist mit Chicago absolut nicht zu vergleichen. Normalerweise gewinnen die Republikaner hier, doch dieses Jahr ist Indiana einer der "Wackelstaaten". Wir, 50 Jugendliche, versammelten uns alle morgens im Hauptbüro der Obama Campagne und wurden mit Stadtplänen und Flyern ausgestattet. Unsere Aufgabe war nun, in kleinen Gruppen schon registrierte Wähler/innen zu einer vorzeitigen Stimmabgabe zu animieren. In vielen Staaten haben die Bürger/innen die Möglichkeit vor dem 4. November zu wählen. Das erleichtert die Arbeit fuer die Campagne, weil so klar wird, auf welche Gebiete sie sich konzentrieren müssen.
Die Wirtschaftskrise war in South Bend geradezu zum Greifen nahe. Etwas was ich in Chicago nie direkt zu spÜren bekomme. Wir gingen eine Strasse mit 12 Hausern entlang von denen 10 leer standen und völlig heruntergekommen waren. Zwei Strassen weiter waren wir dann auf einmal in einer völlig anderen Welt: obere Mittelschicht, prächtige Häuser...
Vieler der Leute, mit denen wir sprachen, hatten zwar vor Obama zu wählen, aber keine Ahnung von der " Early-Voting" Campagne. Hoffentlich konnten wir ein klein wenig bewirken. Zurueck im Haupbüro oder "Headquarter" ging es dann daran Buttons zu machen und Obama Schilder zu drucken. Ganze Familien verbrachten ihren Samstagnachmittag damit, der Campagne zu helfen. Ich lernte eine Frau kennen, die eigentlich in Colorado lebt aber seit Juni in Indiana fuer Obama aktiv ist. Dieser Tag war wirklich etwas Besonderes. Man hatte das Gefuehl etwas bewirken zu koennen, wenn auch nur in kleinem Masse, aber immerhin. Das macht Politik attraktiv.
Ich habe zusammen mit meiner Gastfamilie die Debatten gesehen und diskutiert. Wahlkampf ist hier so viel emotionsgeladener als bei uns in Deutschland. Hier geht es nicht nur um Demokraten und Republikaner sondern vor allem um Persoenlichkeit, um Leidenschaft, um Ideale und darum Menschen zu bewegen. Fast alles wird mit einer persönlichen Anekdote untermalt. Das ganze Land ist polarisiert. Am Samstag werde ich wieder "Canvassing" gehen, das letzte Mal. Und letztendlich gilt es dann nur noch abzuwarten. Dienstagabend ist Barack Obama dann in Downtown Chicago und kann hoffentlich eine Siegesrede halten. Ich bin natuerlich auch irgendwo im Publikum.