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VON CHRISTIAN WOLTERS
Hildesheim. Manchmal kommt es in der Politik auf die Verpackung an. Brigitte Pothmer hat das neulich ihrem entgeistert dreinschauenden Änderungsschneider klar gemacht. Nachdem sie mit ihrem neuen, quietschgrünen Anzug in der Schneiderei aufgetaucht war, wähnte der Mann sie schon auf modischen Abwegen. Als er aber erfuhr, dass es um den Wahlkampf ging, waltete er seines Amtes und passte das Einzelstück an. Pothmer trägt seitdem die perfekt sitzende Kombination mit Wiedererkennungswert.
Das war's dann aber auch mit Extravaganzen – auf der Straße, sagt Pothmer, will sie mit grünen Sachargumenten punkten. Und das offenbar gerne: "Wahlkampf macht mir richtig Spaß."
Nur Flugblätter zu verteilen, das reicht der niedersächsischen Spitzenkandidatin aber nicht. Das war schon vor ihrem ersten Einzug in den Bundestag vor vier Jahren so. Damals setzte sie als Wahlkampfhelferin die bedrohte Kartoffelsorte Linda ein, deren Zulassung auslaufen sollte. Damit ließ sich viel grüne Politik erklären, sagt Pothmer, die selbst aus einem bäuerlichen Haushalt im Wendland stammt. Linda ist inzwischen gerettet, und so tritt die Grüne ihren potenziellen Wählern diesmal mit einem neuen Satz entgegen:
"Guten Tag, ich habe hier ein Sparbuch für Sie!" Sparbuch? Guthaben, Zinsen? Das verfängt, und ruck, zuck kommt die Politikerin ins Gespräch über die Broschüre, die genau genommen ein "Klimasparbuch" ist – und erklärt, wie gut sich aus Sicht der Grünen ökologisches und wirtschaftliches Handeln vertragen. Dass dieser Zusammenhang inzwischen auf breite Akzeptanz stößt, hält die Hildesheimerin für eine der großen Leistungen ihrer Partei in den vergangenen vier Jahren. Inzwischen wird sie, die arbeitsmarktpolitische Sprecherin, auch von der Wirtschaft eingeladen. Spricht mit Unternehmern, Handwerkern. "Auf Augenhöhe", sagt Pothmer. Vor Jahren sei das noch die Ausnahme gewesen: "Inzwischen wollen die Wirtschaftsleute wissen, was wir vorschlagen."
Dass sich mit energetischer Erneuerung Wachstum schaffen lässt, Pothmer wird nicht müde, es zu betonen. Vielleicht hatten es die Grünen sogar leichter, in der Opposition für diese Denkweise zu werben. "Ich habe nie zu denen gehört, die sagen, dass Opposition Mist ist", sagt Pothmer denn auch in Anspielung auf das berühmte Franz- Müntefering-Zitat. Ihr Verständnis von Bundespolitik sei folglich auch keines, bei dem es darum gehe, in Berlin "den 37. Änderungsantrag" zu schreiben und vergeblich im Parlament einzubringen.
Lieber ist sie bei den Menschen, erklärt und wirbt für grüne Politik. Die Hildesheimer bekommen Pothmer freilich seltener zu sehen als etwa die beiden anderen Abgeordneten Bernhard Brinkmann (SPD) und Eckart von Klaeden (CDU).
Anders als die Männer, zu denen sie ein Verhältnis pflegt, dass sie nach einigem Überlegen leicht lächelnd als "kollegial" einstuft, hat Pothmer nicht einen, sondern neun Wahlkreise zu betreuen.
Fünf niedersächsische Grüne haben sich das Land aufgeteilt. Für Grußworte bei Eröffnungen und Schützenfesten bleibt da kaum Zeit. Und ihre Sache wäre das wohl ohnehin nicht, lässt Pothmer durchblicken.
Mag sein, dass ihr anderer Politikansatz auch mit ihrer Herkunft zu tun hat. Regional, weil sie im Wendland aufwuchs. Und familiär, weil Politik zu Hause eine Rolle spielte. Pothmer ist ein Kind der Umweltbewegung und des Kampfs gegen die Atomkraft und das Endlager Gorleben. "Meine Familie ist in der dritten Generation im Widerstand", sagt sie stolz. Bruder Heinrich Pothmer war einst beim Anti-Atomkraft-Treck als Redner in Hannover dabei, jetzt, 30 Jahre später, hat ihr Neffe Fritz bei der Neuauflage in Berlin das Wort für die Bäuerliche Notgemeinschaft ergriffen.
Brigitte Pothmer hat anders als ihre Angehörigen den Landtag (1994 bis 2003) und den Bundestag als Plattform für ihre Politik gewählt. Die angepasste Variante? Pothmer schüttelt den Kopf.
Um den Wandel zu erreichen, braucht es Einsatz innerhalb und außerhalb der Parlamente. So gesehen, freue sie sich auch über "ihre" Hildesheimer. "Ich habe den Eindruck, dass die Menschen zunehmend ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen, die BIs sprießen aus dem Boden, die Leute mischen sich ein." Bei aller Sachlichkeit wirkt die Abgeordnete auch nicht gerade leidenschaftslos oder staatstragend, wenn sie auf der Straße für ihre Politik wirbt.
Wenn es dann um Gerechtigkeit und die Armutsdebatte geht, dreht sie auf. "Ein unglaublicher Skandal, dass sich Armut in Deutschland vererbt", erregt sich Pothmer. Das Einkommen der Eltern entscheide über die Bildungschancen der Kinder, das Bildungssystem: "verantwortungslos, hinterwäldlerisch und inakzeptabel." Arm und Reich lebten immer mehr in getrennten Welten. Solidarität: Fehlanzeige.
Bleibt die Frage, ob Pothmer und ihre Partei nach dem 27. September an all dem etwas ändern können. Die Hildesheimerin schließt keine demokratische Partei als Koalitionspartner aus. Entscheidend aber sei, ob zentrale grüne Politikinhalte wie der Atomausstieg oder der Mindestlohn umgesetzt werden können. Wenn nicht, scheut die Abgeordnete nicht die erneute Opposition. Weil es ihr am Ende, so sagt sie, Verpackung hin oder her, einfach nur auf die Inhalte ankommt.
(c) Hildesheimer Allgemeine Zeitung
