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Portrait

2. April 2010

Die grüne Stimme für Gerechtigkeit

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Mit Herz und Verstand: Brigitte Pothmer im Innenhof des Jakob-Kaiser-Hauses in Berlin, in dem sich ihr Abgeordneten-Büro befindet. Foto: Hensel

Absätze klackern, Türen klappern, Motoren starten. Der Bundestag bricht ins Wochenende auf, eine Politiker-Limousine nach der anderen rollt vom Regierungsparkplatz am Reichstag. Auchgegenüber am Jakob-Kaiser-Haus, in dem die Abgeordneten ihre Büros haben, herrscht Aufbruchstimmung.

Volksvertreter machen es sich auf Beifahrersitzen in Daimlern der Fahrbereitschaftbequem. Winken Mitarbeitern zu. Brausen davon. Brigitte Pothmer bleibt. Und reagiert auf die Frage der HAZ, wie das Berliner Parlamentstreiben auf jemanden wirkt, der sich als Politiker für die Schwächsten der Gesellschaft einsetzt, durchaus vorbereitet.

„Man muss sich beobachten. Sensibel sein. Darum bemühe ich mich.“ Seit fünf Jahren gehört die Hildesheimer Grüne dem Bundestag an, es ist ihre zweite Legislaturperiode. Als Schnellaufsteigerin“ hat ein Hauptstadtjournalist die 55-Jährige beschrieben, ihre Fraktion hat sie erneut zur arbeitsmarktpolitischen Sprecherin gemacht. Eine Aufgabe, in der Pothmer aufgeht, die sie vor allem sozialpolitisch versteht.

Wer keine Arbeit habe, könne nicht am sozialen Leben teilhaben, bleibe außen vor, werde kulturell ausgegrenzt. Schlimmer noch: „Arme Eltern haben arme Kinder, die wiederum armeEltern werden.“ Ein Teufelskreis, gegen den die gleichsam wortgewandte und attraktive Pothmer mit „Herz und Verstand“ kämpft, wie ihr politische Beobachter in Berlin bescheinigen. Teilhabe und Gerechtigkeit, das sind die Hauptanliegen der Grünen, der Ursprung ihrer Haltung liegt in den Erfahrungen auf dem elterlichen Bauernhof im Wendland, wo die Mutter genauso viel schuftete wie der Vater, aber weniger zu melden hatte.

„Das würde ich mir nicht gefallen lassen“, verkündete die kleine Brigitte damals der Mama. Heute, als Politikerin, macht sie sich in diesem Sinne für andere stark. Im Ausschuss für Arbeit und Soziales, als Rednerin im Parlament. Dass sie dort ernst genommen wird, auch von seiten der politischen Gegner, zeigt die Zahl der regelmäßigen Zwischenfragen aus dem Regierungslager. Erst jüngst, bei der Debatte zum Haushalt, versuchte ein FDP-Vertreter, sie aus dem Konzept zu bringen. Ohne Erfolg. Doch Politik ist für Pothmer weitmehr als der Bundestag. „Ich muss vor Ort sein.“

Die soziale Wirklichkeit erleben nennt das die gelernte Sozialpädagogin und -psychologin. Und steuert deshalb bei Besuchen vor allem Tafeln, Kleiderkammern und Job-Center an. Eben solche Einrichtungen, „in denen ich jene Menschen treffe, die nicht auf der Sonnenseite stehen“. Ihr Terminplan ist dabei üppig gefüllt: Weil dieGrünen nicht aus jeder Region einen Vertreter nach Berlin entsenden, teilen sich die 68 Abgeordneten die Betreuung der Wahlkreise. Pothmer ist für sieben Gebiete in Niedersachsen zuständig, immerhin zwei weniger als in der vergangenen Wahlperiode, als ihre Fraktion nur 51 Mitglieder hatte. Aber die Grünen sind nicht nur zahlenmäßig gewachsen.

Ihre Bedeutung hat ebenfalls zugenommen, meint die Hildesheimerin. Die jetzige Opposition sei stärker als zu Zeiten der Großen Koalition. „Und innerhalb dieser stärkeren Opposition sind wir die stärkste Gruppe.“ Dass der holprige Start von CDU und FDP den Grünen in die Hände spielt, verhehlt Pothmer nicht. Schwarz-Gelb enttäusche seine Wähler. „Damit die sich auf uns zubewegen und nicht auf die anderen Parteien, müssen wir ihnen aber gute Angebote machen.“ Da sieht die 55-Jährige auch sich selbst am Zug. Zwar stehen die Grünen in erster Liniefür Umweltthemen, „das ist nach wie vor so“. Aber die Wähler der Partei erwarteten zudem Konzepte für die Arbeits- und Sozialpolitik.

„Wer ökologische Verantwortung übernehmen will, von dem wird auch eine soziale Verantwortung für die Gesellschaft gefordert. “Ein Feld, das die Grünen gut beackern, meint die Hildesheimerin. Aber nach ihrem Geschmack könnte das soziale Profil der Grünen stärker wahrgenommen werden, sowohl in derPartei als auch in der Öffentlichkeit. „Aber wir arbeiten daran und machen gute Fortschritte.“ Dass manche Journalisten ihre Bemühungen, sie für Themenzu gewinnen, hin und wieder als anstrengend empfinden, nimmt die 55-Jährige in Kauf.

„Wer sich im Sinne der Betroffenen einsetzt, muss den Mut haben, auch mal zu nerven.“Außerhalb der politischen Bühne ist das Gesicht der Hildesheimerin in Berlin eher selten zu sehen. Pothmer sitzt in der Regel um Viertel nach Acht an ihrem Schreibtisch im Jakob-Kaiser-Haus, abends kommt sie gegen 22.30 Uhr in ihre Wohnung im Bergmann-Kiez, dem bürgerlicheren Teil des Kult-Viertels Kreuzberg. Zeit für Theater, Konzerte oder Kino bleibt da kaum, ganz zu schweigen von Erkundungen des grünen Berliner Umlands.

Die hat sie sich aber für den Sommer vorgenommen: Mit Partner Klaus Below steht dann eine Woche Urlaub in Berlin an. Aus der früheren Idee der Hobbyköchin, ein Restaurant zu eröffnen, wird dagegen vermutlich angesichts deren Politik-Karriere nichts. „Das ist gerade nicht absehbar – eigentlich schade für Hildesheim“, sagt sie augenzwinkernd. Schade für Pothmer selbst ist es indes, dass sie bislang immer auf den Oppositionsbänken Platz nehmen musste.

Zuerst in Niedersachsen, wo sie 1994 nachdem Ende von Rot-Grün in den Landtag kam. Dann in Berlin, wo sie 2005, ebenfallsnach dem Abschied von Rot-Grün,in den Bundestag einzog. „Regieren wär´ schon schön – dann lässt sich Grüne Politik auch umsetzen.“

Artikel im Wortlaut übernommen aus der "Hildesheimer Zeitung"