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Stolpersteine für Naziopfer

18. August 2010

Später Kniefall für ermordete Schülerinnen

Sommertour 2010

Zum Gedenken an die ehemaligen Goetheschülerinnen, die von den Nazis verschleppt und ermordet wurden, hat der Künstler Gunter Demnig 15 Stolpersteine verlegt. Die GRÜNEN in Hildesheim und ihre Bundestagabgeordnete Brigitte Pothmer haben die Patenschaft übernommen für den Stein, der an Emmy Hirschfeld, geb. Stern, erinnern soll. Emmy Stern besuchte die Vorgängerschule des Goethegymnasiums, die Töchterschule, im Jubiläumsjahr 1908. Sie wurde am 1. April 1942 nach Warschau verschleppt, wo sie 1943 verstarb.

Sommertour 2010

Brigitte Pothmer im Gespräch mit Christina Prauss (rechts im Bild), die den geschichtlichen Hintergrund aufgearbeitet hatte.

 

Nachfolgend der Bericht über die Aktion aus der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung im Wortlaut.

Später Kniefall für ermordete Schülerinnen

Goetheschule: Stolpersteine für Naziopfer verlegt

Hildesheim (jaz). Sie wurden verschleppt und ermordet – viele ehemalige Goetheschülerinnen haben den Holocaust nicht überlebt. Zum Gedenken hat der Künstler Gunter Demnig gestern 15 Stolpersteine am Gymnasium verlegt.

Am Schluss schweigen die Besucher. Sie halten die Köpfe gesenkt, lesen die Namen der ermordeten Schülerinnen. Genau das ist auch der Sinn der Stolpersteine vor dem Goethegymnasium. Wer die Inschriften liest, verbeugt sich vor den Opfern des Nationalsozialismus. „Über die Steine stolpert man mit dem Kopf und dem Herzen“, sagt der Künstler Gunter Demnig. Der 62-jährige Kölner hat die Steine verlegt. Er hat sie so in einem leeren Betonbett auf dem Gehweg angeordnet, dass sie an ein Schachbrett erinnern. „Es geht hier um Einzelpersonen, daher liegen zwischen den goldenen auch schwarze Steine“, erklärt er. „Steine für Ehepaare mit Kindern liegen dagegen direkt nebeneinander.“

Demnig hat seit dem Jahr 2000 europaweit rund 25 000 Stolpersteine verlegt. Die Idee zu solch glänzenden Denkmälern hatte der Künstler bereits 1993. „Es war zunächst ein Konzept für die Schublade. Ich hätte nie gedacht, dass einmal etwas daraus wird.“ In Hildesheim gibt es inzwischen 18 Stolpersteine, drei liegen bereits in der Königs- und der Almsstraße. Dass nun vor dem Goethegymnasium 15 Steine mit goldenen Messingplatten im Pflaster zu finden sind, ist vor allem der Forschungsarbeit von Christina Prauss zu verdanken. Die heute 56-Jährige machte 1973 am Goethegymnasium Abitur und lebt inzwischen in Berlin.

Als sie 2007 zu einem Jahrgangstreffen in die Heimat zurückkam, sprach sie mit ehemaligen Klassenkameradinnen über das Thema Nationalsozialismus. „Ich wusste, dass es damals auf der Goetheschule sehr viele jüdische Schülerinnen gab, ihre Geschichten haben mich interessiert“, erzählt Prauss. Die Historikerin und Buchautorin begann nachzuforschen. „Das Schularchiv wurde im Krieg zerbombt, daher ist die Quellenlage sehr schwierig“, erklärt sie. In verschiedenen Verzeichnissen stieß Prauss schließlich auf 26 Namen, für 15 der ermordeten Jüdinnen organisierte sie Stolpersteine.

Die Wissenschaftlerin arbeitete eng mit Goethegymnasium, Stadtarchiv und Kulturbüro zusammen, fand zudem Paten, die für die Steine spendeten – wie das Goethegymnasium, ehemalige Lehrer und Schüler, das Frauen- Labyrinth-Projekt, die Grünen und die Stadtführerinnen. Bei der gestrigen Gedenkfeier im Gymnasium war Prauss dabei. „Wir haben großes Glück, dass Christina Prauss diesen Teil der Schulgeschichte aufgearbeitet hat“, sagte Schulleiter Reinhard Weddig. „Wir verschließen nicht die Augen vor der Vergangenheit.“

Laut Professor Dr. Herbert Reyer, Leiter des Hildesheimer Stadtarchivs, sind im Nationalsozialismus mindestens 120 Hildesheimer Juden in Konzentrationslagern umgebracht worden. „Die Steine machen eine schlimme Zeit lebendig, die sich nie wiederholen darf“, sagte Weddig. Christina Prauss hofft, dass bald auch für weitere ehemalige Goetheschülerinnen Stolpersteine verlegt werden. Es gebe bereits interessierte Paten, die die 95 Euro pro Stein übernehmen wollten.

„Dass es nun aber erstmal nur 15 Steine waren, ist gut so“, meint sie. „Jedes einzelne Schicksal soll im Mittelpunkt stehen, daher sollte man nicht zu viele Steine auf einmal verlegen.“

Sommertour 2010

Erinnerung an 15 ermordete Jüdinnen: Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt auf dem Gehweg in der Goslarschen Straße 65 die Stolpersteine. (Foto: Gossmann)

Christina Prauss hat eine Broschüre über die Biografien der ermordeten Schülerinnen verfasst.„Verfolgt, ermordet – unvergessen“ ist im Verlag Gebrüder Gerstenberg erschienen und für 4,90 Euro in den HAZ-ServiceCentern, im Tempelhaus und im Buchhandel erhältlich.