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11. Juli 2011

Empfang mit Tschingderassabum

Preisträger von „Jugend forscht“ besuchen die Bundestagsabgeordneten in Berlin

Artikel im Wortlaut übernommen aus der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung (8. Juli 2011):

Hildesheim (ha). Wenn trotz strapaziöser Sitzungswoche des Bundestages und prallgefüllter Terminkalender alle drei Hildesheimer Abgeordneten sich aus ihren Fraktionssitzungen stehlen, um Gäste willkommen zu heißen, müssen das schon ganz besondere sein: Die Hildesheimer Wirtschaftsförderungsgesellschaft HIReg hatte die Sieger der jüngsten „Jugend forscht“-Runde nach Berlin eingeladen, um sich ausgiebig dort umzusehen, wo deutsche Geschichte gestaltet und geschrieben wird.

Einfach hereinspazieren in das Zentrum der Macht kann man freilich nicht: Erst nach peniblen Taschen- und Leibesvisitationen öffneten sich die Türen in den Plenarsaal, in dem ein riesiger Bundesadler die Blicke auf sich zieht und über dem wie eine überdimensionale Eistüte die metallische Spitze der Spiegelkonstruktion aus der Reichstagskuppel darüber schwebt.

Ungezählte Male hat diese Bilder jeder schon im Fernsehen gesehen. Im Original wirkt der Saal merkwürdig klein – was an den Weitwinkelobjektiven der Fernsehkameras liegt. Dennoch könnten auf der 1200 Quadratmeter großen Fläche locker die Wohnungen aus zehn Einfamilienhäusern untergebracht werden.

Beim Plausch mit den Abgeordneten erfuhren die jungen Forscher, dass die Grüne Brigitte Pothmer nicht nur aus einem Winzlingsdorf in Dannenberg, sondern auch aus einer erzkonservativen Familie stammt, die einzig der Protest gegen das nahe Atommüllzwischenlager zum Sinneswandel brachte. Ihr SPD-Kollege Bernhard Brinkmann hingegen hatte gar nicht vor, in die große Politik zu gehen, sondern sich nur über eine Entscheidung im Dinklarer Ortsrat geärgert. Ehe er sich versah, hatte er einen Listenplatz. CDU-Mann Eckart von Klaeden hingegen ist entgegen häufiger Vermutung nicht Katholik aus Hildesheim, sondern Protestant aus Hannover, bei dem der Nato-Doppelbeschluss und die Bedrohung durch atomare Mittelstreckenraketen das Feuer für die Politik weckte.

Die jungen Forscher hörten die sehr persönlichen Schilderungen der drei Parlamentarier mit Interesse. Sie selbst stehen erst am Anfang ihrer Karriere, wissen noch nicht, wohin sie das Leben bringen wird. Einige Schüler wie Hanna und Christina Klamt, die sich mit der Schuldenkrise in Deutschland beschäftigt hatten, haben gerade ihr Abitur gemacht und werden zum Studium schon bald hinaus in die Welt ziehen. Andere Teilnehmer wie Jan Schmedding und Maik Bargmann, die mit ihrem Flugsimulator für Furore sorgten, haben bei Bosch gerade ihre Lehre abgeschlossen und sind durch die positiven Erfahrungen bei „Jugend forscht“ nun ermutigt, vielleicht noch Abitur und Studium anzusteuern.

Gerade dieser Motivationsschub, diese positiven Effekte auf die Persönlichkeitsentwicklung sind es, die Betreuungslehrer wie Dr. Otto May und Wolfgang Lipps oder auch Wettbewerbsleiter Dieter Kubisch dazu bringen, Jahr für Jahr eine Menge Mehrarbeit auf sich zu nehmen, um einen neuen Jahrgang junger Forscher durch den Wettbewerb zu begleiten. Dass mit Bosch und namentlich Peter Griebner auch eine Firma seinem Nachwuchs die Türen in die Welt von „Jugend forscht“ öffnet, verdient besondere Anerkennung – und noch viel mehr Nachahmer.

Berlin jedenfalls rollte den roten Teppich aus, als die Gruppe unter Leitung von HI-Reg-Chef Matthias Ullrich und Birgit Wilken das Bundeskanzleramt betrat. Das Heeresmusikkorps kam sogleich mit Tschingderassabumum die Ecke und eine Abordnung des Wachbataillons knallte die Hacken zusammen. Nun, um der Wahrheit die Ehre zu geben, fand dieses Schauspiel nicht wegen der Hildesheimer „Jugend forscht“-Preisträger statt, sondern für den Gabuner Jean Ping. Der ist gerade Kommissionsvorsitzender der Afrikanischen Union. Ob der gute Mann allerdings so viel über die Farbstoffsynthese von Chilischoten, über Destillationsapparate zur Trinkwassergewinnung oder die Süßstoffpflanze Stevia weiß wie die aufgeweckten jungen Hildesheimer, dürfte fraglich sein. Und wer kann heute schon sagen, ob nicht eines Tages auch für sie der rote Teppich ausgerollt wird, weil das, was einmal ganz klein in Hildesheim begann, die Keimzelle für etwas ganz Großes geworden ist.

Foto Jugendforscht

Besuch im Reichstag: Für die jungen Forscher aus Hildesheim unterbrachen Eckart von Klaeden, Brigitte Pothmer und Bernhard Brinkmann ihre Fraktionssitzungen. Foto: Zimmerhof

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